Ich habe mich immer gefragt, wie Autoren zu ihren Ideen finden. Deshalb will ich heute ein wenig über die Entstehung des letzten Abends erzählen.
Eines Nachts träumte ich von einem Mann mittleren Alters. Er stand in einer, nach meinem Geschmack etwas zu kitschigen Kulisse auf einer Terrasse im Sonnenuntergang und blickte auf Pinien und Weinberge. Er war todkrank und überdachte vor diesem traumhaften Hintergrund sein Leben und seinen bevorstehenden Tod. Er wollte alle Menschen, die ihm nah waren, zu einem letzten großen Fest einladen. Nicht um zu trauern, sondern um sein Leben zu feiern und zu verabschieden.
Am nächsten Morgen notierte ich mir die Bilder, die ich in der Nacht gesehen hatte. Ich mache das nicht oft, aber manchmal, wenn mir ein Traum nahegeht, schreibe ich ihn auf. Bei diesem wusste ich, dass ich eine Geschichte daraus schreiben möchte. Darüber, wie es sich wohl anfühlen muss, zu wissen, dass die eigene Zeit endet. Viel mehr aber noch, wie man es verkraften kann, einen geliebten Menschen für immer verabschieden zu müssen. Es sollte ein leiser Roman werden, so wie das erste Manuskript, das ich geschrieben hatte.
Je mehr ich mich aber in die Geschichte vertiefte und je mehr Maurice in meinem Kopf Gestalt annahm, desto mehr wandelte sich die Handlung. Spätestens als die Oberkommissarin Marie Müller aus München in meinem Manuskript auftauchte, war klar, dass es in eine andere Richtung gehen würde.
Seit zwei Monaten wusste er, dass es sehr rasant mit ihm zu Ende gehen würde. Er wollte nicht leise abtreten. Nicht, wie er es sein ganzes Leben getan hatte, „das Richtige tun“. Er wollte wenigstens in den letzten Zügen seines Lebens er selbst sein.
der letzte Abend – Mica Matern
Wie Maurice selbst sagt, will er nicht leise abtreten. Und so wurde aus dem geplanten leisen, nachdenklichen Roman über Verlust, Abschied und Akzeptanz ein Toskana-Krimi über einen todkranken Mann.
Das leise Buch ist trotzdem nicht ganz verschwunden. Es steckt in Maurice, in seinen Gedanken auf dem Balkon der Villa in der Toskana und in der Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn er geht. Ich glaube, genau das ist es, was mir an der Geschichte am meisten bedeutet.
Und wenn Maurice nicht leise gehen will, ist das vielleicht auch für mich ein Zeichen, diese Geschichte nicht in der Schublade zu lassen, dachte ich. So wurde ‚Der letzte Abend‘ mein erstes Buch, und ich hoffe sehr, dass es auch andere Menschen gern lesen.

